Christine Bänninger

Christine Bänninger ist als ältestes von fünf Kindern auf einem Bauernhof in Oberembrach ZH aufgewachsen und lebt heute in Zürich. Nach einer KV-Lehre fand sie ihre erste Arbeitsstelle in einem grossen Ferienzentrum in Magliaso, wo sie vier Jahre lang blieb. Danach sie für drei Jahre ins Centovalli und arbeitete bei einem Wiederaufbauprojekt eines Ruinendorfes mit.
Von 1991 bis 1996 studierte sie Kunst an der Gestaltungsschule Material und Form in Luzern. Seither verfolgt sie ihren künstlerischen Weg als Malerin und Performerin. Parallel zu den eigenen Arbeiten sind während 25 Jahren viele gemeinsame Kunstwerke mit dem Künstler Peti Wiskemann entstanden. Das Duo arbeitet regelmässig im öffentlichen Raum und entwickelt vor allem Kunstaktionen, Installationen, oft mit einem partizipativen Charakter, im direkten Austausch mit Menschen.

Aufenthalt

01.04. - 22.06.2026

La palma che è venuta con me

Getrocknete Apfelschalen, zu einem Puzzle zusammengesetzt und vernäht, als Kleid getragen, an die Wand gehängt. «Le mele del padre e il filo della madre» nennt die Künstlerin ihre Perfomance, «die Äpfel des Vaters und der Faden der Mutter». Christine Bänninger ist als ältestes von fünf Kindern auf einem Bauernhof in Oberembrach bei Zürich aufgewachsen. Die Eltern hatten Obstbäume. Heute versorgt der Bruder, der den Hof übernommen hat, sie mit Äpfeln. Beim Tod der Mutter erbte sie eine Schachtel mit Nähfäden, die sie nach Bedigliora mitnahm. So entstand ein Patchwork, das mit der Herkunft der Künstlerin verbunden ist: etwas Fragiles, das sich mit der Zeit verändert, Farbe und Form wechselt. Um es von kleinen Tieren zu schützen, musste sie das Flickenwerk im Kühlschrank aufbewahren – wie schnell ist doch der Wurm drin! So ein Herkunfts-Kleid lässt sich ablegen, und doch trägt sie es weiter mit sich. Christine Bänninger ist früh von zuhause weggegangen, schon mit achtzehn Jahren nach der KV-Lehre kam sie auf ein Zeitungsinserat hin nach Magliaso, wo sie im Ferienzentrum arbeitete. Nach Magliaso und Lugano ging sie weiter ins Centovalli und arbeitete am Wiederaufbau eines abgelegenen Ruinendorfes mit. Nach insgesamt sieben Jahren kehrte sie in die Deutschschweiz zurück und studierte Kunst an der Gestaltungsschule Material und Form in Luzern. Parallel arbeitete sie im Kulturzentrum Rössli in Stäfa. Sie verfolgte ihren Weg als Malerin und Performerin. Seit 25 Jahren arbeitet sie auch im Duo mit dem Künstler Peti Wiskemann. Die beiden entwickeln Kunstaktionen und Installationen.

Nach dem Apfelbaum ihrer Herkunft spielt ein anderer, südlicherer Baum eine wichtige Rolle in ihrem Leben: die Palme. «La palma che è venuta con me» nennt sie ihre Ausstellung, «Die Palme, die mit mir gekommen ist». Das hat einen konkreten Grund: Im Malcantone sah sie als junge Frau eine Palme im tiefen Schnee. Ebenda grub sie auch eine Palme aus und nahm sie dann überallhin mit.

Die Palme ist symbolisch gesehen ein Sehnsuchtsträger. Sie verkörpert die Sehnsucht nach Ferne, Reisen, Natur, Schönheit. Die Sehnsucht braucht es zum Arbeiten, als treibende Kraft. Für Christine Bänninger ist sie ein starkes Bild für ihren Lebensweg: Im Tessin fand sie zu ihrer Berufung als Künstlerin. Und zu dieser «Quelle» kehrte sie nun 48 Jahre später zurück und sprach mit Menschen, die für ihren Weg entscheidend waren.

Als erstes entstand das Werk «rete della vita I» aus Papierschnitten. Hier geht es um den Anfang des individuellen Lebens. Die Künstlerin arbeitete mit Strängen: Magliaso, Lugano, das Centovalli. In Magliaso stellte eine Frau ihr die entscheidende Frage: «Was wollen Sie mit Ihrem Leben anfangen»? Es war ein Schlüsselerlebnis für die Zwanzigjährige. Das «Lebensnetz I» weist verschiedene Wege auf, Abzweigungen, Verknotungen, und auch noch viele Leerstellen.

«Rete della vita II» wuchert stärker, vieles verwebt sich ineinander, in einem dichten Netz aus Beziehungen: ein wahrer Dschungel! Vielleicht liegt es an der Erfahrung des südlichen, manchmal fast schon tropischen Klimas, das den Wildwuchs begünstigt. Aber es ist auch dem reiferen Leben nachempfunden, den verschiedenen Emotionen, die einander durchdringen. Die Künstlerin denkt an ein Erlebnis, versetzt sich in einen Zustand, aus dem heraus sie arbeitet: sie wirft die Farbe flüssig auf das Papier. Dabei entsteht etwas aus der Bewegung, das sich nicht kontrollieren lässt, Motive tauchen auf. Sie schneidet Formen aus, setzt sie neu zusammen. Dabei arbeitet sie nicht nach Plan, sondern verfolgt, was entsteht. Es geschieht wie im Leben: Man trifft zwar Entscheidungen, doch vieles passiert einfach, entwickelt seine Dynamik. Manchmal scheint es stillzustehen, und doch geht es ständig weiter. Im Hängen verändert sich das Werk, wächst ins Dreidimensionale.

Kleinere Werke sind die «incontri», Treffen: Aus den einzelnen Begegnungen mit Menschen aus dem früheren Leben entstand ein zusammengesetztes Ganzes. Die rosafarbene Rückseite des Papiers schimmert durch und färbt die Wand, von der sie sich abheben. Die Künstlerin ist überrascht vom Blau, das sonst nicht ihre Farbe ist, sich aber hier aufdrängt. 

Blau prägt auch die Malerei auf Zeitungspapier, die fast textil wird. Die Künstlerin nennt sie «Vene del mondo», «Adern der Welt»: Wasser ist überall – unser Körper, wie auch Pflanzen und Tiere bestehen hauptsächlich daraus, es bildet organische Formen im Grossen wie auch im Kleinen. 

Christine Bänningers Kunst verbindet Gegensätze: Die Künstlerin arbeitet schnell und langsam, intuitiv und überlegt, vorsichtig und mutig. Das von ihr ergründete Motiv der Palme ist vielschichtig: «Palma» heisst nicht nur der Baum, es ist im lateinischen Sprachraum auch die Hand. Was sich seit der Geburt in unserer Handfläche abzeichnet, nennen wir «Lebenslinien». Diesen Lebenslinien folgt die Künstlerin in Werken, deren Lebendigkeit überzeugt: Sie sind zugleich stark und fragil, zeigen Dichte, Präsenz und wirken dennoch in ständigem Fluss. 

 

Ruth Gantert, Bedigliora, 20.06.2026