Simone Torelli
Simone Torelli wurde 1967 in Genf geboren. 1988 schloss sie die Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern als Grafikerin ab und fügte an der gleichen Hochschule eine Hospitanz für Druckstoffentwurf und Siebdruck an der Textilfachklasse an. Seit 1996 arbeitet sie in ihrem eigenen Atelier in Zürich. 2009 folgte eine Hospitanz in Lythographie in Luzern. Längere Aufenthalte führten sie nach Pakistan und Indien (1993) und Indonesien (2018). Ihre Arbeiten wurden in Ausstellungen in der Schweiz und im Ausland gezeigt und verschiedentlich ausgezeichnet, zuletzt mit dem Worlddidac Award 2018 (Best European Learning Materials Award).
Ausstellung Simone Torelli, in dialogo con la natura
Aufenthalt
30.12.2025 - 22.03.2026
In dialogo con la natura

Simone Torelli verbrachte eine intensive Zeit in Bedigliora – staunend erlebte sie die verschiedenen Phasen, von eiskaltem und klarem Wetter über Tage mit blickdichtem Nebel, von schneebedeckten Hügeln und Wiesen zu Frühlingsmomenten mit warmer Sonne und singenden Vögeln. Sie liess die Dinge auf sich wirken, nahm Stimmungen auf. Besonders faszinierte sie die Stille um sie herum: Keine Autos waren zu hören, dafür an- und abschwellende Vogelstimmen, mal einzeln, mal im Dialog mit anderen.
Nach einem ersten Monat im mittleren Atelier zog sie in die Höhe und war nicht mehr wegzubringen von der Aussicht auf die weite Landschaft, die wellenförmigen Hügelzüge, die Bäume und Sträucher. Sie liebte auch den Garten mit seinen Winterfrüchten, den Kiwi und Kaki. Jeden Tag ging sie wandern und sammelte, was sie draussen fand und was sie faszinierte: Gräser, Blüten, Blätter. Die Strohhalme weichte sie ein und rundete sie danach zu ovalen Formen, die kettenartig ineinandergreifen. Dabei folgte sie dem Impuls, sie fortzuknüpfen, die tänzerische Bewegung zu verfolgen, die Gebilde weiter wachsen zu lassen, in die Höhe und in die Tiefe. Sie merkte, dass sie mit dem Material arbeitete, das Material aber nicht alles mit sich machen liess, es widerstand auch, antwortete mit eigenen Bewegungen, es änderte die Farbe und die Geschmeidigkeit. Der Dialog mit der Natur, den sie als Titel für ihre Ausstellung wählte, ist ein beidseitiges Zwiegespräch.
Die Künstlerin war fasziniert von den Farben um sie herum. Unter ihren Zufallsfunden waren Flocken weisser Wolle, die sie am Wegrand auflas, Schafwolle oder Hundefell? Sie verrieb Kohle und Asche aus dem Cheminée auf Papier. So entstanden Aschebilder mit feinen Strukturen. Zu Ton in Ton, Schwarz, Weiss und Grau gesellten sich kräftige Farben, die zu einem wichtigen Thema wurden. Die Künstlerin experimentierte mit rohen Pigmenten, die sie auf Papierblätter warf. Mit dem Bewegen des Papiers entstanden die Formen – auch eine Art des Wechselspiels, zwischen Zufall und Einwirkung.
Aus farbig bemalten Blättern schnitt Simone Torelli runde Formen aus, die sie danach auf dem Blatt kombinierte, suchte nach der richtigen Grösse. Die Papierschnipsel erinnern nicht an Confetti, sondern mit den leicht eckigen Umrissen eher an Mosaiksteinchen. In ihrem Zusammenspiel entstand eine pointillistische Collage. Ein Blatt scheint die sanften Wellen der Hügel aufzunehmen, ein anderes verlässt die Harmonie, wird unruhiger und stürmischer. Die Variationen dieser Farbschwärme auf vier Collagen treten in Dialog miteinander.
Simone Torelli genoss es, in Bedigliora frei mit Farben und Formen, mit Materialien und Ideen zu experimentieren. Vieles wird sie nach Hause nehmen und weiterentwickeln, in andere Techniken übertragen. Ihre Eigenheit ist es, Materialien nicht so zu verwenden, wie es üblich ist, sondern sie in einen anderen Kontext zu stellen. So probiert sie zum Beispiel aus, wie es ist, mit Ölfarben zu aquarellieren, plant spezielle Umsetzungen ihrer Ideen in Drucktechnik.
Mit feinen Antennen nimmt die Künstlerin im wahrsten Wortsinn auf, was in der Luft liegt: Konkret sind das Wolkenformationen, Vogelschwärme, sich wiegende Äste, Lichter im Dunkel der Nacht, auch nicht visuelle Sinneswahrnehmungen wie Geräusche, Gerüche, Wärme und Kälte – im übertragenen Sinn nimmt sie Stimmungen auf, ruhige oder stürmische Zustände und ihre Veränderungen, die sie mit tänzerischer Leichtigkeit, aber auch mit Präzision und Bedacht auf der papierenen oder textilen Unterlage festhält.
So bleibt sie in ständigem Zwiegespräch mit sich selbst, mit anderen, mit Tieren und Pflanzen – in dialogo con la natura.
Ruth Gantert, Bedigliora, 21. 3. 2026