Jooyoung Kim

Jooyoung Kim ist eine Künstlerin aus Südkorea. Sie arbeitet in den Bereichen Malerei, Installation und Performance. Ausgehend von einer  Reflexion über ihre eigene Identität, die sie als Folge der tragischen Geschichte der Teilung Koreas erlebt hat, war ihr künstlerischer Werdegang von Aufbruch und Rückkehr geprägt. Ihr Schaffen gilt dem Nomadentum. Sie veröffentlicht auch Bücher, die sich an der Grenze zwischen Kunst und Geisteswissenschaften bewegen. Neben Performances bei Art en Ciel (Cuges-les-Pins, 2021), Asia Now (Paris, 2017) und der 4. Biennale von Gwangju (2002) hatte sie die Einzelausstellungen Kim Jooyoung (Park Soo Keun Museum, Yanggu, 2022) und The Songhua River Flows: Scars within Recollection (Kunstdoc Gallery, Seoul, 2010), Un Village (Total Museum, Jangheung, 1995) und Longitude de la transmigration (Galerie Bernanos, Paris, 1994).

NEO-NOMADISMO von Jooyoung Kim

Aufenthalt

04.10. - 22.12.2025

NEO-NOMADISMO von Jooyoung Kim, HOMO VIATOR

Jooyoung Kim ist eine Künstlerin aus Südkorea. Sie arbeitet in den Bereichen Malerei, Installation und Performance. Ihre eigene Identität ist von der tragischen Geschichte der Teilung Koreas geprägt, so hat sie ihren Vater nie gesehen und ist nur mit der Mutter aufgewachsen. Ihr künstlerischer Werdegang war von Aufbruch und Rückkehr bestimmt. Ihr Schaffen gilt seit über dreissig Jahren dem Nomadentum. Sie wollte nicht in der kapitalistischen Stadt Seoul bleiben und ging nach Paris VIII zum Studium. Danach bereiste sie Asien: Indien, Tibet, die Mongolei, Indonesien. Auch in Europa entstanden Projekte. Die Künstlerin hatte schon früh einen Bezug zum Tessin, bevor sie nach Bedigliora kam: Sie hatte den Kunstkurator Harald Szeemann und sein Konzept der Utopie kennengelernt.

Die Künstlerin arbeitet an den Schnittstellen von Philosophie, Religion, Geisteswissenschaften und Kunst. Was sie an einem neuen Ort sucht, ist eigentlich nicht das Schöne – es kann ebenso gut das Hässliche sei. Aber in Bedigliora war sie tatsächlich von der Schönheit überwältigt. Sie war fasziniert von der riesigen Fensterfront des oberen Ateliers, vom ständig wechselnden Licht. Sie liebte die Berge mit ihren ganz diskret eingestreuten Dörfern. Diese Situation der Dörfer am Fuss der Berge hat sie in Tusche gemalt. Sie ist sehr viel spazieren gegangen und hat gefundene Schätze nach Hause gebracht – viele, viele Kastanien. Draus entstand die Installation mit transparenter Gaze, asiatischen Lampenschirmen und dem Weg der Kastanien.

Die Lampenschirme und die Kastanien verweisen aufeinander durch ihre Form, betonen aber auch die Gegensätze von «voll» und «leer», «opak» und «lichtdurchlässig», «hell» und «dunkel». Ihr Aufeinandertreffen schafft einen dritten Raum, indem ein anderes Leben aufscheint. Die Künstlerin arbeitet gerne mit dem Spiegel, weil er den Raum doppelt eröffnet. Und sie arbeitet mit dem, was sie vor Ort findet, auch mit dem Zufall. Es ist eine Kunst des Sammelns und Pflückens – wie man Trauben pflückt oder Kastanien sammelt. «Indem ich die Objekte berühre, mache ich sie zu meiner Kunst,» sagt Jooyoung Kim. «Die physische Arbeit ist mir wichtig.» 

Beeindruckt ist sie auch von der Präsenz der Geschichte im Dorf, die bis zurück ins Mittelalter reicht. Diese Tiefenschichten verbinden Europa und den fernen Osten und lassen sie aufeinandertreffen. Auf ihren Wanderungen ist die Künstlerin fasziniert davon, dass die Idee der «Grenze» hier nicht unweigerlich mit dem Krieg verbunden ist. Die Grenzen, die sie kennt, bedeuten bewaffneten Konflikt, bedeuten verbotene Zone, Stacheldraht, Gefahr. Sie fand es ganz wunderbar, dass hier bei Ponte Tresa die Grenze einfach da ist, auf friedliche Weise, dass zwei Länder sich begegnen. Wäre es doch nur überall so!

Jooyoung Kim öffnet selbst solche Räume der Begegnung – in ihrer Kunst, die mit Selbstverständlichkeit ganz verschiedene Traditionen, Rituale und religiöse Motive in sich aufnimmt, ohne dass die Künstlerin selbst religiös ist. In ihrer Kunst wird der Ort zu einem heiligen Ort – und wir werden darin zu etwas anderen Menschen.

Ruth Gantert